Drei Funktionen der Falsifizierbarkeit


Yasuyuki Kageyama

Die Theorie der Falsifizierbarkeit hat wenigstens drei wichtige Funktionen oder Rollen in der Wissenschaftstheorie Poppers; nämlich: (1) Falsifizierbarkeit als Kriterium der Abgrenzung zwischen echten Wissenschaften und Scheinwissenschaften, (2) Falsifizierbarkeit als fruchtbare Methode der wissenschaftlichen Forschung, und (3) Falsifizierbarkeit als rationale Logik des Erkenntnisfortschritts.

Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium
Die erste Funktion ist allerdings wesentlicher als andere zwei, weil die Falsifizierbarkeit zuerst als Auflösung des Abgrenzungsproblem vorgeschlagt wurde. Ihr Hauptpunkt findet sich im folgenden Satz: "Insofern sich die Sätze einer Wissenschaft auf die Wirklichkeit beziehen, müssen sie falsifizierbar sein, und insofern sie nicht falsifizierbar sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit."1 Das Wort "falsifizierbar" ist also mit: "etwas Empirisches zu sagen" gleichbedeutend.
Darum betont Popper von vornherein, daß die Falsifizierbarkeit keinswegs ein Kriterium der Bedeutung eines Satzes ist, sondern ein Kriterium des empirischen Charakters theoretischer Systeme. Es ist schon eine berümte Tatsache, daß im Gegensatz zum logischen Empirismus (oder Positivismus) Popper keine Absicht hat, alle metaphysischen Bestandteile in den Wissenschaften zu überwinden, sondern vielmehr er sie verteidigt.
Der Grund der Verteidigung ist, daß die Metaphysik oder die Mythe wohl der Ursprung oder die Antizipation der neuen Wissenschaften sein können; und zwar erfahren die Wissenschaften jederzeit durch sie tiefe Einflüsse.2 In diesem Sinne gibt es keine endgültige Grenzlinie zwischen Wissenschaft und Metaphysik. Da die Metaphysik doch nicht empirisch im Sinne ist, daß sie sich auf den empirischen Beweis nicht stützen kann, so fordert Popper eine Grenzlinie.

Falsifizierbarkeit als Forschungsmethode
Auf diese Bestimmung der Falsifizierbarkeit bezieht sich ihre zweite Funktion. Die Suche nach der Verifikation oder der Bestätigung einer Theorie halten die logischen Empiristen für die echte Wissenschaftsmethode; sie ist aber nach Popper nicht anders als typische Methode der Scheinwissenschaft. Beider Typen der Forschung geht es vielmehr darum, daß eine Theorie gerade der Gefahr des Scheiterns an der empirischen Prüfung ausgesetzt werden kann; nämlich, daß man eine Theorie durch Erfahrung kritisieren oder widerlegen kann. Es gibt aber in der Tat mancherlei Verfahren, eine Theorie aus Falsifikation zu retten. Tatsächlich gibt auch Popper zu: "Es sind ja immer gewisse Auswege möglich, um einer Falsifikation zu entgehen, etwa ad hoc eingeführte Hilfshypothesen oder ad hoc abgeänderte Definitionen; ist es doch sogar logisch widerspruchsfrei durchführbar, sich einfach auf den Standpunkt zustellen, daß man falsifizierende Erfahrungen grundsätzlich nicht anerkennt."3 Noch dazu ist sogar die Beobachtung selbst immer fehlbar, gleichviel ob sie die Theorie verifiziert oder falsifiziert. Die Falsifizierbarkeit hat deswegen durch einige "methodologischen Regeln"4 als Festsetzungen verstärkt zu werden.
Zunächst wird der "Basissatz", der aus der Theorie in Konjunktion mit einigen Randbedingungen ableitbar ist, so bestimmt, daß er die logische Form singuläres Es-gibt-satzes hat. Es ist der Basissatz, der durch Beobachtung intersubjektiv nachgeprüft wird.5 Doch muß man zugeben, daß der Basissatz selbst durch die Festsetzung provisorisch angenommen wird, weil er nicht mehr für falsifizierbar gehalten ist; sonst wurde hier ein unendlicher Regreß um die Grundlagen einer Test auftreten. Diese Festsetzung oder Konvention unterscheidet sich aber von der konventionalistischen Maßnahme. Denn es geht hier nicht darum. die Theorie zu verteidigen (oder immunisieren 6), sondern ihre empirische Inhalt zu vermehren. Bei der Prüfung einer Theorie somit soll ein Wissenschaftler versuchen, sie kritisch zu widerlegen; wenn sie wirklich falsifiziert wird, dann darf er nicht mehr auf ihr beharren. Das ist der "methodologische Beschluß". Wie Ströker mit Recht bemerkt, "erhält...die Falsifikation eine andere als nur eine destruktive methodologische Funktion; sie dient zugleich der Auffindung und Erprobung von leistungsfähigeren Theorien und wird somit zum Vehikel des Erkenntnisfortschritts der Wissenschaft."7 Das Falsifizierbarkeitskriterium ist also in seinem innersten Wesen nicht theoretisch, sondern eine praktische Regel für Wissenschaftstätigkeit. Dafür behauptet Popper den Beschluß, indem man die dritte Funktion der Falsifizierbarkeit finden kann.

Falsifizierbarkeit als Fortschrittslogik
Auch das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, wo es sich stets um den Theorienwandel handelt, ist nach Popper durch die Falsifizierbarkeit erklärbar. Die induktivistische Auffassung, daß der Erkenntnisfortschritt nichts anderes als Anhäufung der Wahrkeit ist, wird zuerst von ihm verworfen. Falsifikationistisch betrachtet, ist der Prozess des Theoriewandels nie die Anhäufung, sondern wesentlich der Kampf ums Dasein, wo minderwertige Theorien falsifiziert und durch andere besseren ersetzt werden. Also sagt Popper: "...geschichtlich, eine Wissenschaft wird eine Wissenschaft wenn sie eine empirische Widerlegung angenommen hat",8 obwohl er keine Absicht hat, diese Behauptung als eine ernsthafte Hypothese vorzuschlagen, weil es einige Ausnahmen in der ganzen Geschichte der Wissenscahft gibt.
Unter den "besseren Theorien" sind hier diejenigen gemeint, die falsifizierbarer als andere und zugleich noch nicht wirklich falsifiziert sind; d.h. die Theorien, die sich gegen strengsten Prüfung durchhalten. In diesem Sinne sind sie gut "bewärt", im Gegensatz des Begriffs der "Bestätigung" des Induktivismus.


1. K.R. Popper, Logik der Forschung, J.C.B.Mohr, Tübingen, 7. Aufl., S.256.
2. K.R. Popper, Conjectures and Refutations, Routledge and Kegan paul, London, 1963, p.38.
3. K.R. Popper, Logik der Forschung, a. a. O., S.16.
4. K.R. Popper, a. a. O., Abschnitt 10.
5. K.R. Popper, a. a. O., S.18-21.
6. H. Albert, Traktat über kritische Vernunft, J.C.B.Mohr, Tübingen, 4. Aufl., 1980, S.30.
7. E. Ströker, Einführung in die Wissenschaftstheorie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2.Aufl., 1977, S.89f.
8. K.R. Popper, Realism and the Aim of Science, Hutchinson, London, 1983, p.xxvi.