Bericht über Aktivitäten der Japan Popper Society

Yoshihisa Hagiwara
*Dieser Bericht wurde am 3. Dez. 1997 in Graz, in einem Workshop der österreichischen Popper-Forschungsgemeinschaft erstattet.

1 Die japanische Popper Gesellschaft in Umrissen

Gründung: 29. Okt. 1989
Mitgliederzahl: 83 (Stand des Juli 1997)

Präsident: Prof. Makoto KOGAWARA (Kagoshima Univ.)
E-Mail: makoto@hokusin.leh.kagoshima-u.ac.jp

Sekretariat: Prof. Yoshikazu TOMIZUKA (bis Juni 1988)
c/o Handelswissenschaftliche Fakultät, Chuo Univ.
742-1 Higashi-Nakano, Hachioji, TOKYO
Tel. +426-74-3592
E-Mail: h00370@simail.ne.jp

Internet Web Master: a.o. Prof. Yoshihisa HAGIWARA
E-Mail: hagiwara@law.keio.ac.jp

Die japanische Popper Gesellschaft wurde im Jahr 1989 gegründet. Der eigentliche Initiator war Prof. Jun'ichi Aomi, der ein Pionier der Popper-Forschung in Japan und gleichzeitig ein alter Freund von Sir Karl ist.
Prof. Aomi, der gleich nach der Gründung der japanischen Popper Gesellschaft zum ersten Präsident gewählt wurde, beschrieb in der Broschüre der neu gegründeten Gesellschaft 'Popper Letters' über das Ziel der Popper Gesellschaft folgerndermaßen:

"Der kritische Rationalismus von Popper muß wörtlich kritisch geprüft und akzeptiert werden. Die Aufgabe unserer Gesellschaft liegt deshalb darin, den Platz anzubieten, wo alle Mitglieder aus diesem Standpunkt her den Popperschen Gedanken studieren und miteinander kooperativ, aber doch ohne in dasselbe Horn blasend, ihre eigene Forschungen in der kritischen Haltung treiben können."

Die allgemeine Reaktion im japanischen Akademismus auf unsere Gesellschaft war am Anfang gerade nicht so freundlich. Man fand sehr merkwürdig, für eine, damals noch lebende Persönlichkeit eine Gesellschaft zu stiften. Es war nicht zu Unrecht, wenn einige böse Zungen unsere Gesellschaft als 'Popper Fun Club' oder 'Popperian Kirche' betrachteten, obwohl Mehrzahl der Mitglieder sich selbst lieber nicht als 'Popperian' bezeichnen wollten. In seinen Begrüßungsworten zur Gründung der japanischen Popper Gesellschaft brachte Popper selbst seine Verlegenheit zum Ausdruck:
(Ich übersetze aus dem englischen Text. Den originalen, autographischen englischen Text finden Sie in unserer Internet Homepage.)

"Ich fühle, daß es mir an intellektueller Bescheidenheit fehlt, wenn ich irgendeine 'Popper Gesellschaft' billige und willkommen heiße. Auf der anderen Seite gebe ich zu, daß es Bedürfnis nach solcher Gesellschaft aus offensichtlichen Gründen geben mag. Bedürfnis nach Debatte (in einer disziplinierter Weise und nicht über die Worte) ist nämlich sehr groß. Und dieses Bedürfnis mag mein alter Freund Prof. Aomi gefühlt haben."

Und ich sage Ihnen, daß Popper und Aomi recht gehabt haben. Ich bin selber Mitglied verschiedener akademischen Gesellschaften, aber ich habe nirgendswo außer Popper Gesellschaft so inspierende und rege Diskussionen erfahren. Ich habe am meistens von den kritischen Diskussionen in dieser Gesellschaft gelernt. Kritisiert werden ist normalerweise keine angenehme Sache, aber ich kann mich dort eher wohl fühlen, denn ich weiß, daß eben die härteste Kritik nicht aus feindlicher Absicht ist, sondern auf das gemeinsame Ziel richtet, wissenschaftliche Fortschritt vortzutreiben und zu unseren aktuellen Problemen Lösungen finden zu versuchen.

2. Kurze Analyse über Mitgliederschaft

Als Mitglieder der japanischen Popper Gesellschaft haben wir schätzungsweise 70~80% aller Popper-Forscher in Japan, die bis heute irgendeine Veröffentlichung über Popper und den Kritischen Rationalismus gemacht haben. Nur jene Forscher, die aus marxistischer oder neomarxistischer Sicht her Popper gegenüber kritische Veröffentlichungen verfaßt haben, haben wir leider nicht in unserer Gesellschaft, obwohl wir immer bereit waren und bereit sind, auch solche Forscher bei uns willkommen zu heißen.

Die japanische Popper Gesellschaft war am Anfang von zwei Mentoren stark beeinflußt, von Prof. Aomi, einem Rechtsphilosoph an der Tokyo Universität und von verstorbenen Prof. Saburo Kojima, einem Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Keio Universität. Es gibt mehrere ehemalige Studenten von diesen beiden Professoren in unserer Gesellschaft. Aus diesem Grund zeigt die Mitgliederschaftskonstellation eine eigenartige Proportion. Etwa 15% sind Juristen, manche von Ihnen Rechtsphilosophen und Schüler von Aomi sind. Betriebswirtschafts-fachleute haben ebenso 15 prozentige Anteilnahme. Somit haben sie zusammen mit den Wissenschaftstheoretiker und Philosophen Mehrheit. (Ich habe absichtlich die Philosophen in eine andere Kategorie eingeteilt, die hauptsächlich für Ethik, Sozialphilosophie oder Philosophiegeschichte spezialisieren.)
Hingegen gibt es in unserer Gesellschaft nur einen Soziologen und einen Politologen. (Und das bin ich).
Wir haben auch relativ wenigen Naturwissenschaftler, die ich persönlich sehr vermisse. Denn man kann sicherlich von ihnen Diskussionsbeiträge aus ganz anderen Dimensionen erwarten, vor allem wenn es um Spätphilosophie von Popper, also um evolutionäre Erkenntnistheorie oder 3-Welten-Theorie geht.

Wir haben auch Studentenmitglieder. Alle von ihnen sind Doktoranden oder Magisterkandidaten, die sich über Popper oder im Zusammenhang mit der Popperschen Philosophie auf ihre Diplomarbeiten vorbereiten.

Nach der Eröffnung der Internet-Homepage von der japanischen Popper Gesellschaft im Herbst letztes Jahres und Erscheinung eines wirklich sehr guten Buchs von Prof. Kogawara, "Popper - Der kritische Rationalismus" im letzten März ist die Zahl der nicht-universitären Mitglieder (also der Leute, die kein Universitätslehrer sind) zugenommen. Dadurch haben sie zum ersten Mal über unsere Gesellschaft erfahren. Sie sind aus verschiedenen Berufsgruppen (Geschäftsmänner, Verleger, Finanzmakler, Beamten, Rechtsanwalt usw.). Sie sind genauso für die Popperschen Gedanken interessiert und genug kompetent wie die Universitätslehrer. Durch ihre Teilnahme versuchen wir die Popperschen Gedanken auch in die Praxis umzusetzen, indem wir über aktuelle soziale und politische Probleme Lösungsvorschläge machen. Schließlich wollen wir nicht die Poppersche Philosophie im Elfenbeinturm 'professionell' interpretieren, sondern nur lernen; lernen, wie wir unsere Probleme besser lösen können, um eine noch bessere Welt zu schaffen.

3. Popper Letters

Ursprünglich hatten wir geplant, Aufsatzsammelbände namens "Popper Forschung" regelmäßig herauszugeben, aber bis jetzt konnten wir dieses Vorhaben aus verschiedenen Gründen nicht verwirklichen. Der wohl wichtigste Grund für dieses Versäumnis ist, daß wir unsere Gesellschaft allzu 'demokratisch' gestaltet haben und alles der freiwilligen Initiative der Mitglieder überlassen haben. Mit anderen Worten fehlt es uns an einem tonangebenden Organisator wie Prof. Kurt Salamun, der die Schriftenreihe zur Philosophie Karl R. Poppers und des Kritischen Rationalismus herausgibt und bis heute schon 9 Bände publiziert hat. Diese hervorlagende Leadership müssen wir neidlos anerkennen.

Anstatt dieses gescheiterten Plans haben wir halbjährlich erscheinende Nachrichtenbroschüre namens "Popper Letters". Sie erscheint normalerweise in Mai und in November jedes Jahr. In dieser Broschüre befinden sich Aufsätze, Unterlagen für Workshop, Essays, Bücherbesprechungen und Nachrichten für Mitglieder.
Da manche Universitätslehrer genug Gelegenheit haben, in Fachzeitschriften oder anderen Medien ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, nehmen wir in den "Popper Letters" eher Aufsätze von Studenten und nicht-universitären Mitgliedern auf.

4 Workshop/Jahreshauptversammlung

Japan ist in europäischem Maßstab kein kleines Land. Landesfläche sind ca. 380,000 Quadratkilometer, also etwas größer als Deutschland. Japan ist gleichzeitig ein ziemlich langer Inselstatt. Wenn Tokyo an Ort von Graz wäre, würde Hokkaido, die Nordinsel Japans, im Nordpoland und teilweise sogar in Rußland liegen. Und Okinawa, die südlichste Insel, wäre in der Nähe von Barcelona.
Andererseits wohnen mehr als 60 % aller Mitglieder, wie die Statistik in meinem Handout zeigt, innerhalb 60 km Kreis von Tokyo.
Aus diesem räumlichen und wohnstatisitischen Grund finden unsere Veranstaltungen fast ausschließlich in Tokyo statt. Nur einmal haben wir einen Workshop in Osaka veranstaltet und erwartungsgemäß mit wenigen Teilnehmern.
1990Bedeutung der Popperschen PhilosophieChuo Univ. (Tokyo)
1991Evolutionäre ErkenntnistheorieAoyama-Gakuin Univ. (Tokyo)
1992Intellektuelle Grundbedingungen
für die offene Gesellschaft
Tokyo Univ. (Tokyo)
1993Anwendungsmöglichkeiten der Popperschen
Philosopie in den Sozialwissenschaften
Senshu Univ. (Tokyo)
1994Freiheit und Indeterminiertheit
in der Popperschen Philosopie
Keio Univ. (Tokyo)
1995Popper's Republic of Science/
Realismus in Popper
Osaka City Univ. (Osaka)
1996Popper und WittgensteinChiba Univ. (Chiba)
1997Popper und KuhnTokyo Univ. (Tokyo)

Das ist für uns ein wirklich kopfzerbrechendes Problem, denn zum Beispiel unsere Präsident, Prof. Kogawara, der in Kagoshima, also in einer der südlichsten Präfektur wohnt, muß jedesmal einen mehr als 1000 km langen Weg einschlagen.
Ein Reisezuschuß anzubieten wäre vielleicht eine realisierbare Lösung, aber unter den jetzigen Verhältnissen müssen sich ihn alle Teilnehmer selbst von irgendeiner anderen Organisation, zum Beispiel von ihrer eigenen Universität verschaffen.

5 Gastvorträge

Somit sind wir zu einem weiteren Problem unserer Gesellschaft gekommen, nämlich zum finanziellen Problem.
Wir bestreiten die Kosten unserer Aktivitäten ausschließlich aus Jahresbeiträgen von umgerechnet 300 ÖS von jeden Mitgliedern. Außerdem kassieren wir als Teilnahmegebühren, je nach den Benützungsgebühren für die jeweiligen Einrichtung von 300 bis 500 ÖS ein.
Mit diesen Geldern müssen wir uns über Wasser halten. In dieser Lage müssen manche Arbeiten spontan kostenlos geleistet werden, so zum Beispiel unser Home-Page-Projekt. Darüber werde ich später noch einmal erwähnen.

24. Juni 1995Prof. I. C. Jarvie (York Univ.)Popper's Republic of Science
22. Sept. 1995Prof. K. Acham (Univ. Graz)Aktuelle Probleme der Theorie
der Geschichtswissenschaft

Wir hatten gelegentlich auch Gastvorträge, wie Sie auf der Liste sehen können. Da wir jedoch finanziell ziemlich schwach sind, sind wir nicht imstande, allein Gäste aus Ausland einzuladen. Prof. Jarvie war eigentlich von der Doshisya Universität in Kyoto eingeladen und Prof. Acham war auf Einladung von der Mita Philosophiegesellschaft der Keio Universität in Tokyo. In dieser Hinsicht müssen wir immer mit finanzkräftigen Organisationen, wie the Japan Foundation kooperieren, wenn wir solche Gastvorträge planen, und das wollen wir weiter tun.

6 Homepage

Wie ich schon erwähnt habe, haben wir seit Herbst vergangenes Jahres unsere Internet Home-Page.
Dieses Projekt wurde konzipiert, um die Poppersche Gedanken in Japan noch weiter zu verbreiten und unsere Aktivitäten bekanntzumachen. Wie Sie schon wissen, verbreitet sich Internet bei uns in Japan ziemlich weit. Aber solange ich weiß, gibt es auch bei uns keine akademische Gesellschaft, die so viele Informationen per Internet bietet, wie unsere Home-Page. Ihre Datenmenge beträgt jetzt schon 6.7 MB, das entspricht mehr als 5 Disketten. Die Zwischenbilanz unserer Home-Page war sehr erfreulich. Wir haben durchaus positive Reaktionen.
Als Nebenprodukt haben wir auch bemerkt, daß dieses neue Service eine bisherige Lücke, zwar nicht ganz, aber bedeutend besser ausfüllen kann: Der Nachteil, den die nicht in Tokyo wohnende Mitglieder hinnehmen mußten, ist durch dieses Medium nicht mehr so groß. Die Tatsache, daß ich als Web-master die ganze Home-Page hier in Österreich produziert und per Internet nach Japan geschickt habe, spricht für sich.

Der größte Teil dieses Services ist leider nur auf Japanisch, da alle Mitglieder Japaner sind. Zum Publicity-zweck haben wir zwar auch englische Seiten, die aber momentan schätzungsweise nur von 5 bis 10% aller Informationen decken.

Wir werden Sie trotzdem willkommen heißen, wenn Sie unsere Home-Page besuchen, und falls Sie etwas in unserer Home-Page veröffentlichen wollen, werden wir es gerne tun.

7 Künftige Pläne

In zwei Jahren haben wir das 10-jährige Jubiläum unserer Gesellschaft und im Jahr 2002 erwarten wir das 100-jährige Jubiläum von Popper. Zu diesen Anlässen planen wir natürlich etwas Besonderes.
Erstens möchten wir endlich unter Aufbietung all unserer Kräfte eine Aufsatzsammlung herausgeben, die gesamte Aspekte der Popperschen Philosophie berücksichtigen.
Zweitens wollen wir die Übersetzungsarbeit von "Postscript" unterstützen. Alle andere Bücher von Popper haben wir schon auf Japanisch, oder zumindest in Vorbereitung. (Ich selbst übersetze gerade jetzt sein letztes Buch "Alles Leben ist Problemlösen".) Drittens denken wir an Nachwuchsbedarf. In diesem Sinne wird im nächsten Jahr ein für Studenten konzipierter Rezensionsaufsatz-wettbewerb über "Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde" stattfinden. Der erste Preis soll 10,000 ÖS betragen.

Alles anderes steht noch nicht fest. Wir diskutieren zur Zeit darüber in E-Mails.

In jedem Fall möchten wir weiter mit ausländischen Popper-Forschern Kontakt aufnehmen und Gedanken austauschen. Ich hoffe, daß ich diese Aufgabe heute nur ein bißchen erfüllt habe.