Über Begriff und Funktion der "kokutai"-Ideologie:

Der Mythos des japanischen Kaisertums als Herrschaftsideologie vor dem zweiten Weltkrieg

Yoshihisa HAGIWARA

1. Was ist der >kokutai<?

Ursprünglich bedeutet das Wort >kokutai< im Japanischen die nationale Eigenschaft bzw. den Volkscharakter. Es hat keine weitere politische Implikation gehabt. Dieses gewöhnliche Wort wurde jedoch im Prozeß der Modernisierung und der anschließenden Militarisierung Japans in den letzten 80 Jahren bis zum Ende des 2. Weltkriegs vielfach mystizifiert und diente als Herrschaftsideologie. Am Höhepunkt der japanischen militaristischen Ära wurde die Idee des >kokutai< als Staatsprinzip des Kaiserreichs Japans für heilig erklärt. Masao Maruyama, der bekannteste japanische Politologe, weist darauf hin, daß dies >kokutai<-Ideologie in Japan ihre schreckliche magische Bannkraft zeigte, nicht obwohl, sondern gerade weil und insofern diese Ideologie von Japanern aller Generationen kaum bewußt gemacht wurde: "Ein scharfes Bewußtsein davon, welche magische Macht diese mit dem Wort >kokutai< bezeichnete nichtreligiöse Religion besaß, fehlt der Nachkriegsgeneration bereits, während es der älteren Generation, welche dieser >Magie< völlig verfallen war und welche innerhalb dieses magischen Rahmens die >Freiheit des Denkens< genoß, von Anbeginn abging."(1)

Als Zwischenbemerkung nebenbei gesagt soll man nicht übersehen, daß eine wirksame Ideologie fast immer den Charakter des Unbewußten hat, obwohl sie die vorherrschende Idee in einer Gesellschaft ist. Gerade deshalb macht Ideologiekritik "eine Reihe von Trugschlüssen und Erscheinungen bewußt, deren man sich, so lange sie noch nicht durchschaut waren, mit gutem Gewissen und mit Aussicht auf Erfolg bedienen konnte./.../ Um es nicht zu diesem unangenehmen Dilemma kommen zu lassen, versucht man nicht selten, das Bewußtwerden der Problemlage zu verhindern."(2)

Die >kokutai<-Ideologie hatte aber nicht nur einen unbewußten, sondern auch einen unbestimmten Charakter, denn eine theoretische Fixierung oder Definition von >kokutai< war stets sorgfältig tabuisiert. Diese Tabuisierung hat der kokutai-Ideologie eine doppelt verstärkte ideologische Kraft gegeben. Defensiv bekam sie eine Kritikimmunität, weil der Kern dieser Ideologie immer unklar und schwer begreifbar blieb, und offensiv konnte sie alle Regimekritiker mit der Brandmarkung des >anti-kokutai< als Feinde des Volks unterdrücken. Man wußte nicht, was >kokutai< sei, aber schien zu wissen, was gegen >kokutai< sei! Dieses Bedenken kann durch eine Tatsache bestätigt werden - die Tatsache, daß das Wort >kokutai< zum ersten Mal im "Gesetz zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung"(1925) als juristischer Terminus auftauchte. Dieses Gesetz diente der Unterdrückung der kommunistischen und anarchistischen Bewegungen. Darin wurde jeder, "wer versucht, kokutai zu verändern", im schlimmsten Fall mit der Todesstrafe (Ergänzung 1928) bedroht. Dabei wurde die juristische Notwendigkeit, >kokutai< zu definieren aber wieder vermieden. Nur die Entscheidung des Obersten Reichsgerichts vom 31. 5. 1929 suggerierte die Feststellung der Reichsverfassung von 1889 als "Definition" des >kokutai<: Nach ihr soll>kokutai< die Staatsform bedeuten, in der "der aus einer seit jeher ununterbrochenen Abstammungslinie stammenden Tenno gnädigst selbst die Oberaufsicht über die Staatsgewalt ausübt"(1. und 4. Paragraphen der Reichsverfassung von 1889).

Die Rechnung  dieses Definitionsmangels sollte die japanische Regierung selbst bei der Kriegsniederlage bezahlen. Spitzengremien der japanischen Regierung waren sich zwar nach wie vor über die "Aufrechterhaltung des kokutai" einig, als sie die Potsdamer Erklärung akzeptierten, doch gab es zwischen ihnen keine gemeinsame Auffassung, was >kokutai< wirklich bedeutete, und es wurde auf der in Anwesenheit des Tenno abgehaltenen Sitzung des Ministerrats heftig diskutiert. Diese Diskussion mußte schließlich durch eine sogenannte "heilige Entscheidung" durch den Tenno zum Abschluß gebracht werden. Über die damalige Situation berichtet Maruyama folgendermaßen: "Darüber, ob diese >heilige Entscheidung< den >kokutai< wirklich unversehrt lasse, spaltete sich dann aber das Militär in Befürworter einer Annahme der kaiserlichen Entscheidung und die einer weiteren >Verteidigung des Götterlandes<. Die >kokutai<-Auffassung der letzteren bestand darin, daß >wirklich Treue in einem großen Sinne darin liegt, das Prinzip des von den Ahnen des Tenno geschaffenen und überlieferten kokutai zu bewahren - auch indem wir zeitweilig dem Willen des Tenno Hirohito zuwiderhalten<."(3) Um es kurz zu sagen, konnte man mit genügenden Gründen beide einander widersprechende Positionen gleichzeitig von der Idee des >kokutai< ableiten und sich mit ihr rechtfertigen. (Leerformeln!)

In dieser Abhandlung möchte ich zuerst den Entwicklungsprozeß dieser >kokutai<-Ideologie kurz historisch rekonstruieren und dann ihre verschiedenen Strategien ideologiekritisch analysieren.

1) Masao MARUYAMA, Denken in Japan.(1961) Frankfurt 1988. S. 45 f.
2)Ernst TOPITSCH, Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft. (1961) Neuwied/Berlin 3. Aufl. 1971. S. 50 f.
3) M. MARUYAMA, a.a.O., S. 49.

2. Die Entstehung und Etablierung der >kokutai<-Ideologie

Die Meiji-Restauration in der Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die Herrschaft der fast sieben Jahrhunderte langen feudalistischen Ritterregierung von Shogun zu Ende und führte die Tenno-Herrschaft wieder ein, die durch die Vereinigung von Politik und Religion charakterisiert wird. Die größte Schwierigkeit, die die neue Regierung dabei konfrontiert war, war eine Tatsache, daß die Existenz des Tenno damals im ganzen Volk nahezu unbekannt war, weil er so lange vom Zentrum der Macht entfernt war. Gleich nach der Meiji-Restauration fehlten dem mit 14 Jahren den Thron besteigenden jungen Tenno, abgesehen von seiner politischen Fähigkeit, in Wirklichkeit sowohl konkrete Institutionen, die ihn seine politische Macht ausüben ließen, als auch eine eigene Armee. In einer solchen Situation hatte die neue Regierung des Tenno keine andere Wahl als zu versuchen, einerseits durch Betonung der religiösen Autorität des Tenno die Legitimität der neuen politischen Macht zu untermauern und andererseits möglichst früh eine kaiserliche Armee zu schaffen.(4)
Hier taucht ein weiteres Problem auf: Eine religiöse Autorität kann nur dann ausgeübt werden, wenn es in einer Gesellschaft nur eine Religion gibt, an die fast alle Mitglieder der Gesellschaft glauben. Doch die Religion, die dem Tenno die oberste Autorität gab, war eine Art des Shintoismus, der nichts als ein Ritual oder ein Kult in der privaten Tenno-familie war, und der aus einer Naturreligion stammt. Er wird durch Animismus, Naturverehrung, Ahnenkult, Schamanismus und Bauernrituale charakterisiert,(5) was ohnehin keine universelle Religion für jedermann ist. So hatte die Meiji-Regierung  eine dringende Aufgabe, aus diesem Shintoismus des Kaiserhauses eine neue Religion zu schaffen, die möglichst natürlich und universal war und auch den in Japan schon verbreiteten Buddhismus oder Konfuzianismus(6) in sich aufnehmen konnte oder zumindest nicht dazu in Gegensatz geriet. Diese neu zu schaffende Religion war der Staats-Shintoismus, der als Tennoglaube bezeichnet werden konnte, und aus dem sich dann die >kokutai<-Ideologie ergeben würde. Der Staats-Shintoismus war eine sehr merkwürdige Religion, denn er hatte kein systematisches Dogma, keine aktive Mission und keinen namentlich bestimmbaren Gründer.(7) Diese Undurchsichtigkeit des Staats-Shintoismus eröffnet nicht nur die ideologische Manipulierbarkeit sondern bietet auch eine gewisse Immunität gegen Analyse und Kritik: Die Frage, was der Staats-Shintoismus wirklich sei, kann deshalb nur schwer beantwortet werden. Doch der Kern dieses Staats-Shintoismus ist trotz allem ziemlich einfach: Der Tenno selbst ist der Gründer des göttlichen Wegs (kannagara no michi); der oberste Gott unter 8 Millionen Göttern ist der Gott der kaiserlichen Ahnen; der Tenno ist der einzige Priester dieses obersten Gottes und aus diesem Grund ist er selbst auch ein Gott und zwar ein lebendiger Gott.(8)

Einen solchen fast primitiven Glauben kann man heute nur als einen Kult in einer einfachen Stammesgemeinschaft verstehen, der nicht einmal in einer feudalen Gesellschaft ernst genommen wird. Dennoch versuchte die japanische Regierung diesen Mythos des Kaiserhauses zum Staatsprinzip zu erheben. Die Meiji-Regierung, die über die politische Mobilisationskraft der Religion Bescheid wußte, benötigte für die Bildung Japans zu einem modernen Staat eine >Achse<, die mit dem europäischen Christentum vergleichbar ist und als ein konzentrisches Integrationsprinzip die notwendige Voraussetzung des konstitutionellen Regierungssystems abgeben sollte. Und weil zu diesem Zweck sowohl der Buddhismus als auch der herkömmlicher Shintoismus zu schwach und nicht universal waren, versuchte die Regierung dieser neu geschaffenen Religion des Kaiserhausglaubens die Rolle der >Achse< zu geben. Der Staats-Shintoismus war somit vom Anfang an eine, für den politischen Zweck verstärkte Religion.(9) Dieser Staats-Shintoismus des Kaisehausglaubens bildete, einerseits als religiöser Ausdruck der politischen Macht und andererseits als fast inhaltslose Religion, über Buddhismus, Shintoismus und Christentum rangierend eine beispiellose, dominierende Staatsreligion; dies obwohl die Regierung dem Staats-Shintoismus nie den Religionsstatus zugestanden hatte, weil die Existenz einer Staatsreligion in offenem Widerspruch zur >Glaubensfreiheit< stand, die die Reichsverfassung zusicherte. So verkörperte die Reichsverfassung, die 22 Jahre später nach der Restauration (im Jahr 1889) proklamiert wurde, diesen Tennoglauben als Staatsprinzip. Damit wurde die Grundlage für das moderne japanische Kaisertum vorbereitet, dessen Herrschaftsform bis zum Ende des 2. Weltkriegs als eine eigenständige Staatsform bestanden hat: Die Reichsverfassung proklamierte nämlich, daß der Tenno 1) die politische Souveränität, 2) den militärischen Oberbefehl und 3) die oberste religiöse Autorität in Händen hält.

Natürlich ist eine künstliche Schaffung einer nationalen >Achse<, die Schaffung einer Staatsreligion allein nicht genug: sie mußte tatsächlich verbreitet und vom ganzen Volk geglaubt werden. Mit anderen Worten: das Künstliche sollte naturalisiert werden. Aus dieser Absicht entwickelte die Meiji-Regierung eine massive Erziehungspolitik: Sie wurde im >Erziehungserlaß des Tenno vom 30. Oktober 1890< deutlich gemacht. Gleich am Anfang hieß es: >Wir, der Tenno, meinen, mein Urvater habe das Land schon vor langer Zeit geschaffen und meine Ahnen haben sich um höchste Tugend bemüht. Daß meine Untertanen seither treu und gehorsam sein können und in der Welt tausende Billionen von ihnen mit einem Herzen ihr Schönes gezeigt haben, ist die Reinheit und Schönheit unseres kokutai, und hier liegt die Quelle der Erziehung.< Damit sollte das Grundprinzip der Erziehung auf einem Mythos beruhen, denn die Existenz der Tenno bei der Gründung Japans, ganz abgesehen von der Existenz des Urvaters und von seiner Erschaffung des Landes, ist keine historische Tatsache. Davon abgesehen, gab der Tenno verschiedene Tugenden in Form des Befehls an seine Untertanen weiter >Dient dem Vaterland in der Äußersten Not freiwillig mit Tugend und Tapferkeit, um das ewigliche kaiserliche Schicksal zu unterstützen<.
Auch in diesem Erlaß kann man eine eigenartige Mischung von der konfuzianistisch-feudalistischen Treuelehre mit dem japanischen traditionellen Ahnenkult erkennen. Die patriarchalische Moral der Gehorsamkeit gegenüber den Eltern führte mit Hilfe der Familienauffassung des Staates, d.h. der Auffassung >Tenno sei Vater, das Volk sei sein Säugling<, unmittelbar zur nationalen Moral >Kaisertreue und Vaterlandsliebe<. So solle das Volk im Notfall wie zum Beispiel im Krieg für den Tenno alles opfern.(10)
Das Dogma des Staats-Shintoismus wurde mit der Reichsverfassung und dem Erziehungserlaß als das Dogma des >kokutai< aufgestellt. Das zentrale Dogma des >kokutai< war vor allem die Behauptung der Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Kaiserreichs Japan, wofür der einzige Nachweis die politischen Mythen über die Schaffung des Landes Japan durch den Gott in >Kojiki< und >Nihonshoki<, den beiden ältesten japanischen Legendensammlungen, war. In der Schule wurden nach dieser Erziehungspolitik diese Mythen als Geschichte gelehrt. Auch im akademischen Kreis wurde eine objektive historische Forschung über diese Mythen streng verboten und unterdrückt, geschweige denn eine Kritik daran erlaubt. Andere Sekten des Shintoismus (z.B. Tenri-Sekte oder Ohmoto-Sekte), die andere Mythen haben, wurden als >Majestätsbeleidigung< ebenfalls unterdrückt.

Im Prozeß der Militarisierung und des Imperialismus Japans nach dem chinesisch-japanischen Krieg (1894-1895) bekam der Staats-Shintoismus einen noch stärker militaristischen Charakter, denn es existierte im Dogma des >kokutai< schon von vornherein die Idee der Überlegenheit des göttlichen Landes Japan sowie die Idee vom Bestimmung der Japaner, die ganze Welt als >Auserwählte< zu führen. Mit dieser Ideologie konnte man alle Kriege, die im Namen des Tenno mit dem Slogan >vier Weltgegenden unter einem Dach< geführt würden als >heilige kriege< rechtfertigen.

4) Vgl. Shinobu OHE, Yasukuni-jinja. (Der Yasukuni-Schrein) Iwanami-shinsho 259, Tokyo 1984, S. 67 f.
5) Shigeyoshi MURAKAMI, Kokka-shinto. (Der Staats-Shintoismus) Iwanami-shinsho C155, Tokyo 1970, S. 14 ff.
6) Konfuzianismus ist, streng genommen, keine Religion sondern eine Morallehre. Er hat aber andererseits einen starken religiösen Charakter in einem bestimmten Sinne, weil er nicht hauptsächlich an die Vernunft sondern an die Emotion appelliert.
7) S. OHE, a.a.O. S. 78.
8) S. OHE, ebd.
9) Zu diesen Umständen siehe M. MARUYAMA, a.a.O. S. 43 ff.
10) Siehe S. MURAKAMI, a.a.O. S. 137 f.

3. Ideologie-kritische Analyse des >kokutai<

Soweit eine rekonstruierte historische Erklärung über die >kokutai<-Ideologie. Nun möchte ich einige Strategien(11) in dieser Ideologie aufzählen, die sicherlich mit anderen Ideologien eine gewisse Gemeinsamkeit zeigen.

1) Die Naturalisierung des Künstlichen

Wie ich schon gezeigt habe, war der Staats-Shintoismus zwar eine künstlich neu geschaffene Religion, die jedoch alle schon bestehenden, in der Seele der Japaner tief verankerten Denkweisen übernimmt. Damit gelang es ihm, den Eindruck des Unnatürlichen zu vermeiden. Dabei half auch die Auffassung des Staates als Familie, die durch eine Vermischung von der europäischen >Organismuslehre< der Gesellschaft mit der traditionellen konfuzianistischen Morallehre gebildet wurde. Nach dieser soziomorphen Vorstellung(12) des Staates ist der Tenno das Familienoberhaupt und seine Untertanen sind Säuglinge. Und da es in einer Familie keiner Politik bedarf, lehnt das Kaiserreich Japan auch jede Politik ab. Der Tenno selbst verkörpert als eine >aus einer seit jeher ununterbrochnen Abstammungslinie stammende< Autorität eine natürliche Ordnung.(13)
Der ideologische Effekt dieser Naturalisierungsstrategie liegt darin, wie ich am Anfang angedeutet habe, das Bewußtwerden der Wirklichkeit und der Trugschlüsse mit der Hilfe der Tarnung der >Natürlichkeit< zu verhindern.

2) Immunisierungsstrategie (14)

Jede Ideologie setzt mehr oder weniger die Strategie ein, sich gegen jede mögliche Kritik zu immunisieren und damit gegen das Risiko des Scheiterns abzusichern. So vermeidet die >kokutai<-Ideologie jede Definition und wissenschaftliche Theoretisierung. Unklar geblieben war nicht nur der Kern der >kokutai<-Ideologie, sondern auch die Frage, bei wem die politische Verantwortung lag. Da der Tenno ein Gott ist, sollte er jenseits der innerweltlichen Politik stehen. Seine Worte sollten über jede philosophische Lehre, über jedem umstrittenen Problem stehen: Man kann nur seinen >wahren Willen< interpretieren. Damit vollendete sich das japanische politische System vor dem Krieg als das System der >gigantischen Verantwortungslosigkeit<.(15)
Dies führt zu einer heute noch heftig diskutierten Debatte über die Kriegsverantwortung des Tenno.

3) Religionisierung der Politik

Im japanischen politischen System, das auf der Einheit von Religion und Politik beruhte, galt der Schaffungsmythos als Geschichte, als Tatsache. Die Parole >unser mit allen Ländern unvergleichbarer kokutai< erweckte unter Japanern die Illusion, daß Japan das auserwählte Land sei und sie ein glückliches Schicksal hätten, auch wenn der jetzige Zustand schlecht sei. Durch dieses Bewußtsein, Auserwählte zu sein, konnte der Führungsanspruch Japans in Ostasien gerechtfertigt werden.

4) Monopolisierung der >Gerechtigkeit< und >Wahrheit<

Die Religionisierung der Politik brachte gleichzeitig die Monopolisierung der >Gerechtigkeit<. Solange Japan sich selbst als einzigartiger Staat in der Welt verstand, wurden die internationale Beziehung als ein Verkehr zwischen dem moralischen Staat Japan und anderen, nicht moralischen Ländern betrachtet.(16) So konnte sich das Land Japan noch stärker immunisieren, weil der Ausländer, was Erkenntnis der Gerechtigkeit betrifft, >dazu infolge seiner fremden Volks- und Rassenzugehörigkeit prinzipiell außerstande< (17) war. Das führte einerseits zu einem Missionsbewußtsein, andere Länder durch die Territorialerweiterung der Tenno-Herrschaft zu belehren, um die Idee >Vier Weltgegenden unter einem Dach< zu verwirklichen und andererseits zur Tendenz, alle Feinde zu verteufeln. (Das erinnert an die im Krieg verbreitete Parole >Amerikaner und Engländer sind menschliche Teufel<).

5) Leerformeln

Ich habe versucht zu zeigen, daß die >kokutai<-Ideologie ein Kern des ganzen japanischen Tenno-Herrschaftssystems vor dem 2. Weltkrieg war; jedoch besteht sie, genau betrachtet, aus einem immer zweideutigen, fast inhaltslosen Dogma und so vielen Interpretationsmöglichkeiten, daß man beliebige, oft einander widersprechende Positionen von dieser Idee ableiten kann. Das besagt, daß diese Ideologie nichts anderes als ein System der >Leerformeln< ist, die von Topitsch folgendermaßen beschrieben werden: "Jede (Gruppe) behauptet, sie und nur sie erfasse den >wahren Sinn< jener Ausdrücke. Es kommt zu einer Art Wettstreit um die - gar nicht existierende - >wahre Bedeutung< der Leerformeln, wobei der geschichtliche Erfolg darüber entscheidet, welche der kämpfenden Gruppen ihre Auffassung durchsetzen kann". "Aber gerade insoferne sie das Pathos der >Absolutheit< mit praktisch unbeschränkter Manipulierbarkeit verbanden, errangen diese Formeln ihren weltgeschichtlichen Erfolg". Diese Leerformln "können auch durch ihren stets gleichbleibenden Wortlaut eine Konstanz der obersten moralisch-politischen Prinzipien vortäuschen, während sie in Wirklichkeit mit jeder möglichen normativen Ordnung und praktischen Entscheidung vereinbar sind".(18)

11) Über verschiede ideologische Strategien siehe eine Reihe von Analysen von K. SALAMUN: Ideologie Wissenschaft Politik. Sozialphilosophische Studien. Graz/Wien/Köln 1975 S. 16 ff.
12) Über diesen Terminus siehe E. TOPITSCH, Vom Ursprung und Ende der Metaphysik.(1958), dtv. München 1972, S. 29 f. Vgl. auch seinen Aufsatz "Historismus und seine Überwindung", teilweise abgedrückt in Kurt LENK (Hrsg.), Ideologie Ideologiekritik und Wissenssoziologie. 9. Aufl. Frankfurt/ New York 1984 S. 75 ff.
13) Shozo FUJITA, Tennosei kokka no shihai-genri. (Das Herrschaftsprinzip des Tenno-Staates), 2. Aufl. Tokyo 1987, S. 193.
14) Hans ALBERT, Traktat über kritische Vernunft. (1968), 4. Aufl. Tübingen 1980, passim.
15) Vgl. M. MARUYAMA, a.a.O., S. 52.
16) Vgl. S. FUJITA, a.a.O., S. 15.
17) E. TOPITSCH, Erkenntnis und Illusion. Grundstrukturen unserer Weltauffassung. 2. überarb. u. erw. Aufl. Tübingen Mohr, 1988, S. 297. Topitsch redet hier in seinem Kontext über die Immunisierungsstrategie von der sogenannten >deutschen< Wissenschaft. Auch hier kann man eine gewisse strategische Ähnlichkeit zwischen japanischer und nationalsozialistischer Ideologie finden.
18) E. TOPITSCH, Über Leerformeln. In: DERS. (Hrsg.): Probleme der Wissenschaftstheorie. Festschrift für Victor Kraft. Wien 1958, S. 263 f.

Schlußbemerkungen

Das politische System der Tenno-Herrschaft endete mit der Kriegsniederlage. Ich frage mich aber, ob wir wirklich das Ende des Mythos, das Ende der Ideologie feststellen können. Zur Zeit scheint diese Frage gar nicht unberechtigt zu sein, denn der Tenno Hirohito ist seit 3 Monaten schwerkrank(19) und die geistige Situation in Japan ist unter diesem Einfluß heutzutage ganz ungewöhnlich; Feierlichkeiten werden >freiwillig< abgesagt, egal ob sie persönliche Hochzeiten oder regelmäßige öffentliche Zeremonien sind; Leute in allen Berufen, sogar Mannequins in Kaufhäusern, ziehen >freiwillig< dunkle, unauffällige Kleidung an; lustige und festliche Unterhaltungssendungen verschwinden aus Fernsehprogramm und nicht einmal Lieder werden gesendet, in deren Text Worte wie "Tod", "Leben" oder "Abschied" enthalten sind; mehrere Unterhaltungsveranstalter machten hintereinander Bankrott. Über die vorauszusehende Zukunft Japans und des Kaiserhauses (nach dem Hinscheiden des Tenno Hirohito) zu reden ist, wie in der Zeit vor dem Krieg streng tabuisiert. Der Tenno wurde zwar nach dem Krieg entpolitisiert; er ist heute nur ein >Symbol< der Nation; doch die jetzige Situation in Japan weckt in mir die Sorge, daß wir, und nicht wegen des Tenno Hirohito allein, immer noch eine latente Tendenz haben, wieder in jene dunkle Zeit vor dem Krieg zurückzufallen. Es geht nämlich um die >freiwillige< Suspendierung der >Redefreiheit< und um den stummen Druck der Gesellschaft, der alle Leute dazu zwingt. Dabei geht es nicht um das institutionelle Problem, bei wem die Souveränität Japans liegt, wie darüber aus Anlaß des Einwandes des japanischen Außenministeriums zu den Artikeln von englischen Vulgärzeitungen "Hell's Waiting for this Truly Evil Emperor" (The Sun) oder "The Sinking Sun of Evil" (Daily Star) in Japan heftig diskutiert wird. Der Tenno ist kein Staatsoberhaupt, nur ein Symbol der Nation, und die Souveränität liegt nur beim Volk - darüber braucht man nicht zu diskutieren. Ist aber mit jener geistiger Haltung und Mentalität der Japaner und mit ihrer ideologischer Apparatur abgerechnet worden, die Japan in den Weltkrieg getrieben haben? Was man hier bedenken sollte, ist vielmehr die >Vergangenheitsbewältigung< in Japan und das emotionale Bedürfnis der Japaner, nicht nur im alltäglichen Leben, sondern auch in der Politik immer noch die Existenz von Heiligkeit und Transzendenz haben zu wollen. Der Tenno hat zwar institutionell keine Macht mehr, doch geistig sitzt er für viele Japaner nach wie vor im Zentrum Japans. Viele Leute sehen nach der noch überlebenden Familienauffassung des Staates den Tenno, als ob er ihr eigener Vater bzw. Großvater sei. So sollten wir Japaner sehr aufpassen, diese >Absolutheit< und >Heiligkeit<, die der Tenno besitzt, nicht wieder in die Politik hineinbringen zu lassen. Wollen wir Japaner nicht zum Totalitarismus im weiteren Sinne zurückkehren, so müssen wir wissen, daß diese >Absolutheit< und >Heiligkeit< im politischen Milieu, wo wegen der Durchsetzung von Interessen und Macht von verschiedenen Parteien immer irgendeine Legitimität gesucht wird, unbeschränkte, beliebige Maniplierbarkeit bietet, die leicht vom Machthaber ausgenützt werden kann.

19) Kurz nach der Abgabe dieses Artikels verstarb der japanische Kaiser Hirohito. Am 7. Jänner 1989 endete die Devise >Showa<, die die Thronzeit des verstorbenen Tenno ausdrückte und als Zeitrechnung in Japan verwendet wurde. Ab 8. Jänner 1989 begann die neue Zeitrechnung mit der neuen Devise >Heisei<. Mit Trauer und gemischten Gefühlen auf Showa zurückblickend, hofft der Verf., daß die Devise >Heisei<, gemäß ihrer wörtlichen Übersetzung, >Verwirklichung des Friedens< bedeuten möge.